Ein Todesurteil für jeden von uns

Sascha Lobo hat in den letzten Wochen auf SPON zwei wichtige Artikel veröffentlicht, die mit ihrer Tochter zu tun haben. Er scheint langsam an der Gleichgültigkeit der Menschen zu verzweifeln. Der Spähfaschismus versetzt wirklich niemanden mehr in emotionale Rage – außer vielleicht Sascha Lobo. Mit dem Verweis auf ihre Tochter versucht er es nun persönlicher. Hinter seinen Artikeln steckt aber eine sehr zentrale Frage des Menschseins: Was bringt die Zukunft?

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Homogenität der Generation Y

Die Generation Y ist so, die Generation Y ist anders. Immer wieder hört man solche Aussagen, die pauschalisieren und generalisieren. Vor einiger Zeit wurde auf der Huffington Post ein Interview mit einem McKinsey-Manager veröffentlicht, der mit irgendwelchen Mitarbeitermodellen versucht diese Generation zu ködern. Das ist zwar ganz nett und wird bestimmt auch einige junge Menschen ansprechen. Aber! Diese Generation ist eben so wenig homogen wie alle anderen Generationen vor ihr. Von einer Generation zu sprechen ist an sich schon Hilflosigkeit oder Marketing und geht an der Sache meist vorbei. Das besondere an diesen jungen Menschen ist, dass sie in einer multipolaren und irrsinnig komplexen Welt sozialisiert wurden. Außerdem wurden sie sehr früh mit einer großen Fülle von Möglichkeiten konfrontiert.

Aus diesen Gründen sind diese jungen Menschen meist sehr flexibel und können sich in sehr komplexen Kontexten souverän bewegen. Deshalb sind sie so beliebt im internationalen Umfeld. Auf der anderen Seite haben Sie ein Defizit an Tradition und ihnen fehlt ein Verständnis für unreflektiertes Pflichtgefühl. Viele versuchen sich wegen dieses Mangels Ersatz zu schaffen und werden deshalb gerne mit Gutmenschen betitelt. Aus diesem Grund bestehen sie auch auf ihre individuelle Freiheit und wählen auch nur Lebenspläne, die sie darin unterstützen. Traditionelle Unternehmen mit festen Hierarchien und starren Paradigmen zählen nicht zur engeren Auswahl bei der Jobsuche.

Wenn Unternehmen also in hochkomplexen Branchen tätig sind und sehr flexible Mitarbeiter suchen, ist die Generation Y durchaus eine interessante Zielgruppe. Jedoch gibt es innerhalb dieser Gruppe ein sehr breites Spektrum. Eine sehr sorgfältige Auswahl kann auch hier die Spreu herausfiltern. Am besten vereinbart man dann individuell mit dem neuen Mitarbeiter, worauf es ihm ankommt. Nur so kann man die sehr individuellen Interessen angemessen berücksichtigen.

Wir scheißen aufs Gesetz und die Moral, wir haben hohe Standards

Wie die hohen Standards die Welt gefährden.

An den Universitäten gelten hohe wissenschaftliche Standards, die einen Dreck wert sind. Die NSA bespitzelt die ganze Welt und hält sich dabei an Standards. Und nun durchsucht Microsoft  Email-Konten ohne Gerichtsbeschluss und hält sich dabei an hohe Standards. Es scheint, Gesetz und Moral sind scheißegal, solange man sich auf eigene hohe Standards berufen kann.

Genau da liegt das Problem. Es handelt sich hierbei nicht um Regeln, die von der Gesellschaft für das gemeinsame und vertrauensvolle Miteinander ausgestellt wurden. Es sind Regeln die sich jemand selbst gibt. Keine Frage, um dagegen zu verstoßen muss man dann schon extrem bescheuert sein.

Diese hohen Standards haben eine weitere Besonderheit. Sie sind selten konkret definiert. Es gibt häufig keine schriftliche Abfassung und sie werden nicht transparent offengelegt. Diese Faktoren reichen eigentlich, dass wir diesen Käse getrost in den Müll treten können. Wer wie Microsoft Hotmail-Konten ohne Gerichtsbeschluss ausspäht, sollte wegen vorsätzlichem und bewusst strafbarem Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden. Es muss klargemacht werden, dass die  Regeln, die sich eine demokratische Gemeinschaft gibt, höher zu werten sind als alle hohen Standards von privaten Institutionen.

Das Internet in der Zwangsjacke

Diese Woche gab es in den IT-News zwei Meldungen, die eine Gefahr für den aktuellen Stand des modernen Internets bedeuten. Das LG Köln entschied – wieder einmal komplett an der Realität vorbei – dass die Bilder aus der Bilddatenbank Pixelio einen Urheberrechtsvermerk im Bild haben müssen. Juristisch und logisch vielleicht eine nachvollziehbare Entscheidung, jedoch geht das vollkommen an der aktuellen Lebenswirklichkeit und den technischen Möglichkeiten vorbei. Hier sollte das Gewohnheitsrecht des Internets Beachtung finden. Fast jede Webseite im Internet wäre damit auf einen Schlag nicht mehr gesetzeskonform. Kultur, Fortschritt und Innovation werden von solch einem Verständnis des Urheberrechts schon genug gebremst. Dieses Urteil ist der Super-GAU in dieser Sache. Wobei man als Digital Native schon desöfteren dachte, dass es nicht mehr schlimmer kommen könne.

Warum nicht einfacher? Aktuell werden die Fotografen solcher Bilder im Impressum oder in einem zentralen Bildverzeichnis aufgeführt. Daneben kann man einen Urheberrechtsvermerk direkt am Bild in den Meta-Informationen unterbringen. Es gibt praktikable Lösungen.

Aber es wäre auch falsch, die Schuld nur den Gerichten zuzuschieben. Sie entscheiden auf der Basis von Lizenzverträgen, die nicht selten die Form eines Knebelvertrags haben. Hier brauchen wir ebenso weitreichende Reformen.

Die zweite Nachricht ist ebenso abstrus. Die GEMA möchte die Menschen für die Einbettung von You-Tube-Videos zur Kasse bitten. Im aktuellen Rahmen wäre das vielleicht sogar legal, aber wenn man den Blick ein wenig weiter schweifen lässt, kommt man zur Erkenntnis, dass damit ein großer Teil der Kultur gefährdet wird. Musikvideos in sozialen Netzwerken, Rezensionen und auf Websites wären nur noch eingeschränkt möglich. Kunst lebt immer schon vom Teilen. Davon haben auch die Künstler etwas. Ein extraktives System wie die GEMA, von denen der größte Teil der Musiker sowieso keinen Nutzen hat, passt nicht mehr zu den inklusiven offenen Strukturen der dezentralen und vernetzten Welt.

Es ist an der Zeit die GEMA von ihrem hohen Ross zu stoßen. Sänger, Bands und Liedermacher sollten sich nicht mehr mit dieser oligarchischen Institution verbünden, sondern die modernen Möglichkeiten des Vertriebs über das Internet nutzen.

Warum scheitern Nationen? Warum gibt es so viel Armut und Gewalt?

Das in dieser Welt nicht alles perfekt läuft, ist in vielerlei Hinsicht offensichtlich. Viele Nationen heute und in der Vergangenheit haben/hatten mit massiven Armutsproblemen, Kriegen und Gewalt zu kämpfen. Durch die Globalisierung der Medien wird uns das zu nehmend bewusster. Aber warum ist das so?

Es gibt viele Thesen. Manche behaupten, dass es am Klima läge, oder an der Kultur, oder an der Ignoranz der Herrscher die „richtigen“ Reformen einzuleiten. Doch das ist sicher nicht die endgültige Antwort. Daron Acemoglu weißt in seinem Buch „Warum Nationen scheitern“ auf einen viel gewichtigeren Grund hin. Die Organisation dieser Staaten ist so aufgebaut, dass es niemals zu Wohlstand für die Massen kommen wird und die Eliten in diesen Ländern haben auch kein Interesse daran. Die ärmsten Länder der Welt haben ausschließlich extraktive wirtschaftliche und politische Institutionen. Die konzentrieren die wirtschaftliche und die politische Macht bei der Elite. Diese extraktiven Institutionen und der Wohlstand bilden die Basis für den Machterhalt der herrschenden Schicht. Monopole, Korruption und Seilschaften sind die Faktoren der Legitimität der oligarchischen Strukturen.

Die politischen Institutionen sind an die Bedürfnisse der Eliten angepasst. Nicht selten werden solche Länder von Diktatoren oder einzelnen Parteien geführt. Unter solchen Voraussetzungen ist ein nachhaltiges Wachstum unmöglich. Zwar können die wirtschaftlichen Aktivitäten gut gesteuert werden (Wachstum ist möglich), jedoch werden die Herrschenden niemals Innovationen und grundlegende Veränderungen zulassen. Zu groß ist die Gefahr, dass dies zu einer großen Umwälzung in der Gesellschaft führt und damit die Machtbasis untergräbt. Aus ihrer Sicht ist der Verzicht auf allgemeinen Wohlstand und der Verzicht auf Partizipation des eigenen Volkes die bessere Alternative. Unsichere Eigentumsrechte, fehlende Anreize und eine unberechenbare Justiz ersticken auch den Willen der Bevölkerung mehr als die elementarsten Arbeiten zu verrichten.

Nun kommt die wirklich schlechte Nachricht. Daran wird sich so schnell nichts ändern. Extraktive Institutionen sind sehr robust und können sich selbst noch verstärken. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zur spontanen Entwicklung von inklusiven Institutionen kommt, an denen alle Menschen im Staat teilhaben können, ist gering. Wenn in solchen Ländern wieder einmal ein Bürgerkrieg ausbricht, haben viele Menschen die leise Hoffnung, dass die Rebellen die alten Schurken aus dem Amt jagen und die Nation in eine neue Zukunft führen. Aber in der Regel übernehmen die Rebellen die vorhandenen extraktiven Institutionen und entwickeln sich zu einer neuen Elite, die nicht selten die alte in Sachen Menschenverachtung übertrifft.

Lösungen habe ich auch keine anzubieten. Nur die Hoffnung, dass wir in Europa immer die Kraft haben eine Entwicklung in Richtung extraktiver Institutionen zu erkennen und abzuwenden.

Wenn du maulst, dann findet die WM eben ohne dich statt!

Franz Beckenbauer. In Deutschland und überall auf der Welt verehrt. Erhaben über jede Form von Kritik, hat er sich zur WM in Katar geäußert. Seine Majestät ist die Diskussion um den Zeitpunkt der WM (Sommer/Winter) überdrüssig und wünscht Ruhe. Wer mault, der solle zuhause bleiben.

Das ist natürlich Quatsch, denn eine bessere Welt muss herbei gemeckert werden. Die vielen Toten auf den Baustellen in Katar? Schau halt kein Fußball. Die Überwachung durch die NSA? Lass dir nix zuschulden kommen. Korruption in Unternehmen? Kündige doch. Schlechtes Bildungssystem? Schicke deine Kinder doch ins Ausland. Altersarmut? Stirb früher.

Natürlich kann das notorische Nörgeln, Motzen und Maulen extrem nervig sein. Aber es ist eine Form der Kritik, die eine fortschrittlichere Version des bestehenden zum Ziel hat. Die aktuellen Tendenzen der Elite solche Diskussionen mit dem Argument der Ausgrenzung zu begrenzen, sind aktuell sehr bedenklich. Sie haben einen exklusiven Charakter und wollen Kritiker ausschließen. Eine Gesellschaft die darauf aufbaut kann nicht funktionieren. Ein völlig pervertiertes Beispiel einer solchen Gesellschaft ist Nordkorea. Das kann nicht unser Wunsch sein. Ich werde weiter meckern.

Würdet ihr zusammen für eine Sache sterben?

Man kann von Peter Scholl-Latour halten was man möchte, aber kaum jemand in Deutschland hat so viele Krisenregionen, Kriegsgebiete und Revolutionen weltweit miterlebt wie er. In den vergangenen Jahrzehnten war er bei fast allen größeren politischen Umwälzungen anwesend. Ein Mann mit Expertise.

Peter Scholl-Latour hat einmal geschrieben, dass er nicht denke, dass die Generation, die sich im Internet organisiert, die Bindung hätte, um gemeinsam für eine Sache im Schützengraben zu kämpfen und dafür zu sterben. Webprojekte wie Campact, Change.org oder Avaaz sammeln im Internet Likes, Klicks, Emailadressen und Unterschriften, um diese Listen dann Politikern und Unternehmen zu überreichen. Es werden meist Dinge angeprangert, die eigentlich niemand so richtig toll findet. Ponys auf dem Oktoberfest sollen verboten werden, E10 möchte man nicht mehr haben und auch sonst sieht man viele Probleme. Man möchte zeigen, dass man das nicht gut findet und sogar bereit ist einen Klick dafür zu riskieren. Petitionen am Fließband sind die Folge. Mittlerweile werden solche Listen von den Verantwortlichen fast schon mit einem Lächeln entgegengenommen. Der inflationäre Gebrauch dieser Aufmerksamkeitshilfsmittel entwertet diese und erzeugt nur ein trügerisches Gefühl bei den Beteiligten etwas geleistet zu haben. Wirkliche Veränderung braucht mehr!

Wirkliche Veränderung setzt Leidenschaft, Überzeugungskraft, Ehrgeiz, Kraft, Mut und eine große Portion Motivation voraus. Wenn man dem Herdentrieb folgt und eine solche Liste unterschreibt, hat das nichts mit diesen Eigenschaften zu tun. Große gesellschaftliche Veränderungen benötigen aber genau diese Eigenschaften bei sehr vielen Menschen. Man muss nicht im Schützengraben sterben, aber am Ende kommt es genau auf diese Form von Bereitschaft für die Sache an. Seid ihr wirklich bereit etwas von Eurem Leben aufzugeben?

Sex mit Minderjährigen in den 80ern – Keine Frage der historischen Perspektive!

Die Debatte um die pro-pädophile Vergangenheit bei den Grünen ist wirklich sonderbar. Auf der einen Seite gibt es keine tiefgreifende gesellschaftliche Empörung und darüber hinaus verteidigen sich die Grünen und deren Anhänger mit fast schon peinlichen Argumenten. Das erstere lässt sich wohl darauf zurückführen, dass die Medien das Thema nicht an die große Glocke hängen. Das verrät viel über unsere Gesellschaft, aber die Gründe bleiben Spekulation. Die Hetzjagden, die die Medien bei den Plagiatoren von Doktorarbeiten los getreten hat, wäre in diesem Fall weit angebrachter gewesen.

Konkret ist dagegen das populärste Argument, mit dem viele aus der politischen Linken versuchen die verlangte Legalisierung von Verbrechen zu relativieren. Sie behaupten, Missbrauch von Kindern wäre der Zeitgeist des linken Milieus in dieser Zeit gewesen und aus diesem Grund solle man den Protagonisten in dieser Debatte Milde entgegenbringen. Das ist absoluter und gefährlicher Nonsens. Es gab immer wieder Entwicklungen in der Zeitgeschichte, die nach modernen moralischen Grundsätzen völlig inakzeptabel waren. Und diese darf man im Nachhinein nicht relativieren. Sklaverei, Menschenhandel, Ausrottung, Diktaturen, etc. entspringen häufig einem bestimmten Zeitgeist. Dennoch sind sie aus vollumfänglich zu verurteilen. Genau deshalb können die verantwortlichen Politiker, die sich für eine Legalisierung des Kindesmissbrauchs eingesetzt haben, nicht entschulden oder ihre Ansichten relativieren. Sie haben die Verantwortung dafür zu tragen und sollten auch mit den gesellschaftlichen Folgen, die man für so ein Verhalten zu erwarten hat, umgehen müssen. Die Aufarbeitung dieses Kapitels hat gerade erst begonnen. Es sollte dem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.