Die große Stunde der Kurzgeschichte – Das Ende der dicken Bücher?

Für viele Autoren war und ist die Kurzgeschichte eine der anspruchs- und reizvollsten literarischen Textformen überhaupt. Auch für die Leser ist die Kurzgeschichte hochinteressant, weil hier eine Geschichte meist ohne blumige und langatmige Abschnitte erzählt wird. Literarische Geschichten haben ihren Ursprung in mündlich vorgetragenen Darstellungen, die Kurzgeschichte kommt dieser Form am nächsten.

Mal ehrlich, unzählige Bücher sind schwer zu lesen, weil auf vielen Seiten zwischen den interessanten Höhepunkten langweilige Beschreibungen unser Denkorgan an die Grenze zur Langeweile bringen. Wird diese Grenze überschritten landet das Buch ungelesen in der Ecke. Viele solche Romane wären als Kurzgeschichte interessanter. Doch irgendeine Regel verlangt Bücher, die über 200 Seiten stark sind.

In der alten Print-Welt gab es hierfür ganz einfache Gründe. Die Kunden waren nicht bereit die von den Verlagen kalkulierten Preise für ein paar Seiten beschriebene Zettel zu bezahlen. Solche Publikationen hätten Lager- und Transportkosten verursacht, die den Kaufpreis auf ein Niveau getrieben,  der bei den potentiellen Käufern wenig Begeisterung ausgelöst hätte.  Wenn man Kurzgeschichten in Buchform verkauft hat, dann wurden mehrere solcher Geschichten zusammen gepackt. Damit hatte man aber wieder das Problem, dass der Leser hier vielleicht Geschichten gekauft hätte, die ihn nicht die Bohne interessieren. Wieder schreckten viele von einem Kauf zurück. Ein großer finanzieller Erfolg war den Kurzgeschichten deshalb nie vergönnt. Die Autoren merkten das natürlich und produzierten dicke Bücher, die oft lieber in Form von Kurzgeschichten an die Öffentlichkeit gelangt wären.

Doch diese Zeiten haben sich zum Glück geändert. Herstellungskosten für Bücher – erledigt. Lagerkosten für Bücher – erledigt. Transportkosten für Bücher – erledigt. Kurzgeschichten kann man heute für einen Euro on demand anbieten und den Leser für ein paar wenige Stunden in eine aufregende Welt entführen. Generell ist die Länge der Publikation heute völlig egal. Ob eine Geschichte nun 1, 10, 100 oder 1000 Seiten hat,  macht keinen Unterschied mehr.

Kurzgeschichten haben viele weitere Vorteile:

Kurzweilig
Wenn die Seitenzahl einer Geschichte egal ist, kann man die spannendste Form wählen und die Inhalte optimal verdichten. So kann man viel besser Spannungsbögen aufbauen und den Inhalt völlig neu strukturieren. Wenn längere Erläuterungen notwendig sind, kann man diese natürlich einfügen. Wenn nicht, dann lässt man sie einfach weg. Man muss keine 200 Seiten mehr abliefern. 50 gehen auch. Das führt zu kurzweiligeren und interessanteren Lesevergnügen.

Eine kurze abgeschlossene Geschichte
Viele Leser möchten nicht immer über Wochen an einem Buch lesen. Manchmal ist es auch ganz schön, wenn man am Strand oder an einem verregneten Sonntag für ein paar Stunden eine abgeschlossene Geschichte lesen kann, die auch gerade zur aktuellen Stimmung passt. Auf 30 Seiten wäre sowas möglich.

Zyklen und Fortsetzungen
Viele Autoren kennen das. In manchen Zeiten hat man einen enormen Schaffensdrang und tolle Geschichten fließen von alleine aus der Feder. Manchmal herrscht geistige Ebbe. Warum warten, bis ein epischer Roman entstanden ist? Man kann kleinere nicht-abgeschlossene Kurzgeschichten veröffentlichen und dann bis zur nächsten Flut warten.

Neue Arbeitsprozesse bei den Autoren
Ein Buch zu schreiben ist eine große Anstrengung, die oft Planung, Organisation und Recherche erfordert. Je umfangreicher ein Werk, desto schwieriger wird das. Vielleicht schafft hier eine Kurzgeschichte zwischendurch ein wenig Abwechslung. Man kann darin auch Sachen ausprobieren und schauen, wie es beim Publikum ankommt.

Es gibt sehr viele weitere Gründe, die für kürzere Publikationen sprechen würden. Ich möchte nicht, dass dicke Bücher verschwinden. Manches braucht auch seinen Platz. Aber wir sollten das alles ab jetzt flexibler sehen. Also: Schreibt und lest mehr Kurzgeschichten.

Warum Schreiben beim Lesen hilft

Lesen macht Spaß! Für viele Menschen ist das so, aber es gibt eine Möglichkeit das Lesen noch interessanter zu gestalten. Man muss nur damit beginnen selbst zu schreiben. Wenn man einem Musiker beim Musikhören zuschaut, dann sieht man, dass er diese Musik gedanklich durchgeht und sie im Kopf nachspielt. Er erlebt diese viel intensiver und nimmt andere Ebenen wahr als jemand, der keine Ahnung vom Musikmachen hat. Genauso verhält es sich auch, wenn jemand einen Text liest, der selbst Texte schreibt.

Es ist sehr spannend, wenn man mit einiger Schreiberfahrung einen Text liest und man auf einmal viel mehr auf den Aufbau und die Sprache des Werks achtet. Manchmal sitzt man dann vor einem Roman und kann sich bildlich vorstellen, wie der Autor mit dem Satz, den man gerade gelesen hat, gerungen und die einzelnen Wörter mit viel Sorgfalt dahin gesetzt hat, wo sie nun stehen. Um einen solchen inneren Kampf des Autors aufzuspüren bedarf es Erfahrung im Schreiben und viel Empathie. Beides kann man trainieren.

Wenn man diese Stufe erreicht hat, ist die Welt der Literatur sehr viel interessanter und das eigene Leben wird spannender, weil man auch im Alltag zunehmend auf die Details der Sprache achtet. Die nächste Stufe der Entwicklung ist dann das Dichten. Wenn man hier ebenfalls fleißig übt, kann Goethes Faust eine völlig neue Welt offenbaren. Fazit: Es lohnt sich zu Schreiben.