Meiden deutsche Intellektuelle das Internet?

Die Überwachung durch die NSA ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Ein großer Teil der Menschen auf der Erde ist Objekt der Aktivitäten der NSA. Man sollte meinen, dass dieser Alptraum die Intellektuellen in Deutschland auf den Plan ruft und diese die Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisieren. Deutschland hat viele Intellektuelle wie zum Beispiel Grass, Enzensberger, Walser, und viele mehr. Aber man hört kaum etwas. Es ist verdächtig still.

Nun gibt es zwei mögliche Erklärungen. Unsere Intellektuellen verstehen nicht, was hier vor sich geht. Oder sie interessiert es nicht. Ich denke, dass beides ein wenig eine Rolle spielt. Die Ausmaße der Überwachung und die Möglichkeiten der Manipulation sind die größte Bedrohung für die Freiheit in der westlichen Welt, die es je gegeben hat. Aber die Methoden der Geheimdienste sind amorph und für viele Menschen kaum verständlich. Viele dieser Intellektuellen unterschätzen auch die Bedeutung des Internets. Für sie ist es Neuland, obwohl auch sie zu den passiven Nutzern gehören. Auch ihre Finanzdaten und Krankenakten sind in der digitalen Welt gespeichert. Klar scheint es ihnen aber nicht zu sein. Die Intellektuellen haben also ein Informationsdefizit und deshalb halten sie sich aus dieser Diskussion heraus.

ABER. Wir haben auch Menschen, die kein Informationsdefizit haben. Lobo und Sixtus sind vermutlich zwei derer, die gerne große Wellen schlagen möchten. Sie sind sowas wie die Intellektuellen unserer Zeit. Sie leiden jedoch darunter, dass der Beruf des allgemeinen Intellektuellen in unserer Medienwelt keine Rolle mehr spielt. Man möchte in unserer ereignisgetriebenen Gesellschaft lieber Experten vor der Kamera sehen, die kurze Statements abgeben. So fehlen die Köpfe für die nötige Empörung. Die alten Intellektuellen sind wegen den Medien bekannt geworden. Die neuen Intellektuellen haben diese Chance bisher nicht bekommen. Wohl weil sich die Medienlandschaft stark verändert hat. Aufmerksamkeit konzentriert sich nicht mehr.

Aus den netzpolitischen Intellektuellen sollten gesamtgesellschaftliche Intellektuelle werden, weil das Internet mittlerweile ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist. Für die Politik braucht man Mehrheiten und Öffentlichkeit. Diese bekommt man in einem Biotop nicht. Die „Netzgemeinde“ muss sich gesamtgesellschaftlich aufstellen.

Warum Snowden nicht zurück in die USA kann?

Viele Kommentatoren sehen es als ein Makel an, dass Snowden nun in Ländern Zuflucht sucht, in denen selbst menschenrechtlich beanstandenswerte Zustände herrschen. Das ist zu kurz gedacht und diese Argumentation kommt natürlich aus einer völlig anderen Perspektive. Die Journalisten und Politiker, die das bemängeln, argumentieren von einer sehr komfortablen Position aus. Generell vertreten sie die Ansicht, dass Snowden in den USA rechtsstaatlicher Schutz gewährt werden würde. Letztendlich führt das alles zu einer entscheidenden Frage. Sind die USA noch ein Rechtsstaat?

Wenn ich mir die Nachrichten der letzten Jahre seit dem 11. September 2001 anschaue, kommen darin Wörter vor, die man früher nie mit Amerika in Zusammenhang gebracht hätte. Was würde Snowden in den USA von heute erwarten? Folter, Isolation, Todesstrafe? Das Beispiel Manning ist hier bemerkenswert. Das war nicht immer so. Als damals Ellsberg Dokumente über den Vietnamkrieg veröffentlichte, wurden die rechtsstaatlichen Prinzipien zu einem großen Teil  gewahrt. Heute wäre das nicht mehr zu erwarten.

Gegen den Vietnamkrieg gab es eine große Bewegung, die bald einen großen Teil der Bevölkerung erfasste und deren Macht den Kämpfern für die Sache Schutz bot. Snowden hätte als Teil einer solchen gesamtgesellschaftlichen Bewegung die Chance sich aus den USA heraus für seine Sache einzusetzen.  Ich frage mich aber, wo diese Bewegung heute steckt? Es gibt in der Tat einige kleinere Bewegungen, die sich gegen diese bestehende Ordnung auflehnt. Aber es fehlt an Köpfen und dem Willen, die eine breitere Masse für das Thema sensibilisieren können.

Hier in Deutschland gab es erste Ansätze im Umfeld der Piratenpartei, aber diese haben sich bekanntlich selbst eliminiert, weil sie ihre Vision von einer Gesellschaft nicht kommunizieren konnten und sich in zu vielen Details verrannten. Die Globalisierung, das Internet und viele weitere sehr interessante Entwicklungen haben die gesellschaftlichen Strukturen überall auf der Welt verändert. Es muss irgendwann eine Bewegung entstehen, die die alte Welt an das Neue anpasst. Wo, wie und wann das passieren wird, kann ich nicht voraussagen, aber ich hoffe, dass es bald soweit ist. Vielleicht ist Snowden nun der Auslöser von Prozessen, die dahin führen werden.

Über eine falsche Sicht auf das Internet

Für viele Menschen in Deutschland ist das Internet weit weg. So weit weg und abgelegen wie Endes Lummerland. In der Vorstellung unserer Kanzlerin wird es vermutlich auch so aussehen. Doch gerade diese Distanz verbaut uns die Möglichkeit die Zukunft zu gestalten.

Real Life und virtueller Raum waren früher deutlicher getrennt als heute. Doch gerade in den letzten 10 Jahren hat sich das Internet zum alles umfassenden Kommunikationsmedium und zu einer bedeutenden Infrastruktur gewandelt. Damit ist es immer weiter in das Real Life eingedrungen. Jeder der heute ein Konto, eine Kreditkarte, einen Krankenakte, einen Arbeitsplatz, eine Kundenkarte, eine Email-Adresse, etc. besitzt, ist ein Teil dieser digitalen Welt. Mit der Augmented Reality werden diese beiden Lebenswelten weiter verschmelzen.

Ein sozialer Raum wie das Internet kann nicht ohne Regeln funktionieren. Das gilt für das Grundgesetz und natürlich auch für die Bürgerrechte. Das Argument, dass ja ein großer Teil der Bevölkerung kaum im Internet surft, halte ich ebenfalls für – der Bayer würde sagen – Schmarrn. In den älteren Generationen ist der Prozentsatz an regelmäßigen Internetnutzern wirklich nicht sehr hoch, aber bei den jüngeren Kohorten liegt er teilweise bei fast 100%. Die Zukunft gehört also dem Internet.

Mit einer solchen distanzierten Denkweise verbauen wir jede gesellschaftlich-politische Diskussion zum Thema Internet. Dabei muss klar werden, dass jeder der am Leben aktiv teilnimmt auch Teil des Internets ist. Zumindest passiv.

Wo liegt das #Neuland?

Seit der Ankündigung von Angela Merkel, dass das Internet für alle Neuland sei, ist die gesamte deutsche Netzwelt in Aufregung. Es wurde viel über diese Formulierung gesagt und geschrieben. Die einen versuchten zu beweisen, dass es viele Menschen in Deutschland gibt, denen das Internet fremd ist und andere versuchten zu zeigen, dass das Internet jeden etwas angeht. Ich denke aber, dass diese Diskussion an der Sache vorbei geht. Die Aussage unserer Bundeskanzlerin zeigt jedoch die Hilflosigkeit, mit der die teils unkundigen und überforderten internationalen Politikakteure dem gesellschaftlich-digitalen Wandel gegenüber stehen.

Wer von „Neuland“ spricht, möchte eine räumliche Distanz zwischen sich und das angesprochene Thema bringen. Diese Distanz soll auch die Machtlosigkeit Deutschlands gegenüber den immer noch übermächtigen USA kaschieren. Aus vielerlei Gründen (historische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische) traut man sich nicht dem Gegner in der Sache Paroli zu bieten. Wo hat Merkel bei den Fragen um das Internet Einflussmöglichkeiten? Will sie den US-Geheimdiensten verbieten, Daten, die deutsche Bürger den amerikanischen Konzernen überlassen haben, auszuwerten? Das wäre schön. Zu mächtig scheint die Macht der US-Konzerne. Zu weit ist die Integration des Internets in die Gesellschaft fortgeschritten. Es würde enorm viele Anstrengungen kosten hier internationale Regelungen durchzusetzen und man könnte sich als Politiker sicher sein, dass man heftige gesellschaftliche Debatten auslösen würde. Ich kann unter den aktuellen Politikern niemanden finden, der dieser Aufgabe gewachsen wäre. Also versucht man das Thema von sich weg zu schieben. Was geht uns denn Neuland an?

Die müssige Diskussion um europäische Alternativen ist ebenfalls vergiftet. Sollen wir statt dem NSA lieber den europäischen Geheimdiensten und Verfassungsschützern vertrauen? Das zunehmende Demokratiedefizit in der EU kombiniert mit den Möglichkeiten der Überwachung lassen an dieser Option zweifeln.

Wo liegt das Problem? Die Welt hat sich verändert. Nationalstaaten haben ihre machtpolitische Rolle verloren. Die gestaltenden Akteure sind heute transnationale Zusammenschlüsse, hochvernetzte Hegemonialmächte, transnationale Konzerne und Geheimdienste. Sie sind flexibel genug mit der neuen Zeit zu Recht zu kommen. Nationalstaaten und insbesondere die westlichen Demokratien sind zu schwerfällig. Bis wir neue politische Modelle umgesetzt haben und die Zivilgesellschaft besser organisiert ist, werden wir kein stabiles Gesellschaftssystem bekommen. Finanzmärkte, Internet, globaler Handel, internationales Arbeitsrecht, Sicherheitspolitik, etc. schreien geradezu nach einer globalen Regelung. Wieder verspüren die Politiker Ohnmacht. Lieber verfrachten wir das alles ins Neuland, dann brauchen wir unsere Gestaltungsohnmacht nicht zugeben. Kognitive Dissonanz.

Was brauchen wir? Ich bin ein Fan der dezentralen Zivilgesellschaft, die sich international organisiert. Ein solches Netzwerk würde vermutlich die Flexibilität und Stabilität mitbringen, die wir für die Lösung der zukünftigen Aufgaben brauchen. Die Zivilgesellschaft soll nicht den Staat ersetzen, sondern ihn bereichern. Der Staat bildet den organisatorischen Rahmen, während die Zivilgesellschaft diesen vernetzt und mit Leben füllt. So sollte das auch im Internet abgebildet werden. Zentrale soziale Netzwerke und zentralisiertes Cloud Computing sind meiner Meinung nach nicht das Ende der Entwicklung. Ich denke nicht, dass diese von dauerhafter Bedeutung sein werden. Gerade die sozialen Interaktionen im Internet benötigen keine Zentralisierung. Ein Netz von vielen verschiedenen sozialen Netzwerken, die untereinander verknüpft sind und von normalen Menschen, kleinen Unternehmen oder gemeinnützigen Organisationen betreut werden, würden neue individuellere Räume eröffnen, die zudem die Gefahr der Überwachung eindämmen würden. Ich wünsche mir eine Art P2P-Netzwerk von sozialen Netzwerken. Dieses Prinzip sollte dann auch auf alle möglichen zentralisierten Internetdienste und -anwendungen ausgeweitet werden. Dezentralisierung bei steigender Vernetzung.

In den meisten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wird sich eine solche Entwicklung nicht so schnell durchsetzen können. Dafür fehlt der Einfluss der Zivilgesellschaft. Im Internet haben wir jedoch die Möglichkeit die ersten Schritte zu gehen.

So surfen sie sicher. Wer’s glaubt.

Die gesamte nationale und internationale Presse überschlägt sich gerade. Alle geben Tipps, wie man Emails, Daten und anderes digitales Zeug verschlüsseln und damit dem Zugriff von Unternehmen und Behörden entziehen kann. Geschenkt. Mit diesen Tipps wird gerade ein temporäres Bedürfnis vieler Menschen bedient. In wenigen Wochen – spätestens, wenn die Bundesliga wieder beginnt – wird das niemanden mehr interessieren und niemand wird mehr seine Daten verschlüsseln, weil es für viele einfach zu unbequem ist. Außerdem wird durch gewisse Maßnahmen oft eine Sicherheit vorgegaukelt, die es nicht wirklich gibt.

Die Journalisten müssten an einer anderen Stelle ansetzen. Der Staat sollte zu mehr Transparenz, mehr IT-Bildung und besseren Datenschutzgesetzen gezwungen werden. Hier in Deutschland, in Europa und in den USA.

Augmented Reality – Dezentralisierte Überwachung mit Google Glass

In der Vergangenheit war es meist so, dass die Überwachung einer Gesellschaft von einer zentralen Stelle initiiert und ausgeführt wurde. Der technische Fortschritt hat dieser zentralen Überwachung immer mehr Möglichkeiten eingeräumt, die eigenen Methoden zu verfeinern. Der große technische Trend der nun beginnt, könnte viel weitreichendere Folgen haben, als wir uns heute vorstellen. Die Augmented Reality verschmilzt die digitale vernetze Welt mir der Realität und fördert damit die Dezentralisierung der Überwachung.

Das derzeit glanzvollste Projekt ist Google Glass. Die Tech-Presse ist voller Begeisterung und kaum jemand kann es erwarten, bis die digitalen Brillen endlich in den Läden stehen. Es braucht nicht sehr viel prophetisches Talent, um vorauszusagen, dass dieses Gadget in großer Zahl über den Ladentisch gehen wird. Ab diesem Zeitpunkt können die Nutzer ständig Bilder und Videos von ihrer Umgebung aufnehmen und fast in Echtzeit ins Internet hochladen. Google wird sicherlich sehr viel Wert darauf gelegt haben, dass solche Funktionen im Vordergrund der Nutzung stehen. Neben diesem Content werden vermutlich noch viele weitere Metadaten dazu gesendet.

Dieser öffentliche Datenwust könnte nun von anderen Menschen, Behörden oder Institutionen, dazu genutzt werden einzelne Personen auszuspähen und virtuell zu verfolgen. Selbst Menschen, die bisher der virtuellen Welt wenig aus ihrem Leben preisgegeben habe, werden nun zu Objekten des Cyberspace. Sie werden auf Videos, Bildern und in Kommentaren zu finden sein. Sensationslust und Neugier kann dazu führen, dass es sogar zu Verfolgungen kommt. Die Überwachung findet hier nun völlig dezentral, ohne Absicht und fast schon zufällig durch die Crowd statt. Eine Gesellschaft überwacht sich selbst.

Das hier soll keine fundamentale Technikkritik sein. Ich bin ein Verfechter des Fortschritts, aber ein wenig über mögliche Folgen nachzudenken, sollte auch ein Befürworter der Augmented Reality für sinnvoll halten. Wenn die jederzeit mögliche dezentrale Überwachung wie eine Bedrohung über den Menschen liegt, wird sie zunächst eine Veränderung des allgemeinen Verhaltens herbeiführen. Verhaltensweisen, die als unnormal von der Gesellschaft angesehen werden könnten, werden vermieden oder unterdrückt. Durch die hauptsächlich visuellen Aufnahmemöglichkeiten von Google Glass wird sehr viel mehr Wert auf Äußerlichkeiten gelegt werden. Es werden sich dann neue Verhaltensnormen in der Öffentlichkeit etablieren und man wird seinen Kindern anerziehen, dass sie auf keinen Fall auffallen dürfen. Gerade bei Unfällen, Katastrophen oder sexuellen Übergriffen werden sofort unzählige Zeugen zur Stelle sein, die im einen Fall eher helfen im anderen Fall eher negativ wirken. Peinlichkeiten werden für die Ewigkeit konserviert und ein kollektives Vergessen findet nicht statt. Eher werden sie in der Masse des Contents untergehen.

Darauf werden wir persönliche, gesellschaftliche und politische Antworten finden müssen. Entweder wir setzen technische Grenzen, die kraft Gesetzes Restriktionen in die Hardware implementiert, oder wir lernen mit der veränderten Situation als Gesellschaft umzugehen. Wir können auch akzeptieren, dass in unserem Leben Dinge passieren, die nicht unbedingt Idealvorstellungen entsprechen, und dass es jedem so geht. Nach einem wirklich schwierigen Lernprozess kämen wir so vermutlich zu einem realeren Menschenbild, mit dem es sich auch in einer Welt, in der man mit ständiger Beobachtung rechnen muss, aushalten ließe. Sehr wahrscheinlich würden sich relativ schnell gesellschaftliche Normen aus einer Art sozialen Disziplinierung heraus entwickeln. Bestimmte Verwendungsmöglichkeiten der Augmented Reality werden sozial geächtet werden und nur in Einzelfällen über anonyme Kanäle an die Öffentlichkeit gelangen.

Keine dieser Veränderungen wird alleine die Herausforderungen lösen, die sich uns hier stellen werden. Es wird eher ein Mix aus verschiedenen Entwicklungen sein, die sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten herausbilden werden. Die Technologie zu meiden oder zu verbieten wird sicherlich nicht der richtige Weg sein. Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Aber man kann die Welt mit dem Fortschritt gestalten und muss sich sicherlich nicht blind den Folgen ausliefern. Eine stabile gesellschaftliche Entwicklung lässt sich nur erreichen, wenn wir einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen und Bedürfnissen erreichen.

Die Gefahr der zentralen Überwachung durch den Staat bleibt davon aber unberührt. Diese muss auf anderer Ebene eingedämmt werden.