Ein Todesurteil für jeden von uns

Sascha Lobo hat in den letzten Wochen auf SPON zwei wichtige Artikel veröffentlicht, die mit ihrer Tochter zu tun haben. Er scheint langsam an der Gleichgültigkeit der Menschen zu verzweifeln. Der Spähfaschismus versetzt wirklich niemanden mehr in emotionale Rage – außer vielleicht Sascha Lobo. Mit dem Verweis auf ihre Tochter versucht er es nun persönlicher. Hinter seinen Artikeln steckt aber eine sehr zentrale Frage des Menschseins: Was bringt die Zukunft?

Sie werden auf diese Frage hier keine Antwort finden. Tut mir leid. Aber trotzdem ist das Thema interessant. Unser Gehirn ist von der Evolution trainiert worden Gefahren zu erkennen. Wir sind mehr oder weniger gut darin Prognosen über die Zukunft anzustellen und hier Risiken und Chancen zu entdecken. Im Alltag klappt das auch befriedigend gut. Auf der Ebene der Gesellschaft sieht das dann schon ein wenig anders aus. Die Globalisierung, die Mobilität und die Technik haben unsere globale Gesellschaft so komplex gemacht, dass unser evolutionäres Risikenseismometer die Beben nicht mehr alle erfassen kann. Wir merken sie, wir können sie auch ungefähr einordnen, aber der Zusammenhang bleibt im Dunkeln. Genau diese Aufmerksamkeit versucht ein Internetexperte, der den Satz „Das Internet ist kaputt…“ nicht für sich alleine stehen lassen kann, zu wecken.

Die Quelle für unsere Prognosen über die Zukunft sind unsere Erinnerungen. Darin sind die meisten Menschen nicht sonderlich gut, aber wir sollen ja nicht in der Vergangenheit leben, sondern die Erinnerungen dazu nutzen, um den Blick in die Zukunft klarer werden zu lassen. Für den Alltag reichen die Fähigkeiten unseres Gehirns sich zu erinnern aus. In Bezug zur Gesellschaft sieht das dann schon wieder anders aus. Hier ziehen wir nicht nur unsere persönlichen Erinnerung mit ein, sondern auch die kollektiven. Genau hier liegt der Antrieb sich mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen.

Dann wollen wir mal selbst schauen:

„Wir führen nicht Krieg gegen einzelne. Wir vernichten die Bourgeoisie als Klasse. Während der Untersuchung suchen wir nicht nach Beweisen, dass der Beschuldigte in Worten und Taten gegen die Sowjetmacht gehandelt hat. Die ersten Fragen, die gestellt werden müssen, lauten: Zu welcher Klasse gehört er? Was ist seine Herkunft? Was ist seine Bildung und sein Beruf? Und es sind diese Fragen, die das Schicksal des Beschuldigten bestimmen sollten. Darin liegen die Bedeutung und das Wesen des roten Terrors.“

Martyn Latsis, Stellvertretender Tscheka-Chef im November 1918 in der Zeitschrift „Krasnyj terror“

Wir gehen einige Jahre zurück. Aber nur soweit, dass wir noch von Zeitgeschichte sprechen können. Die Jahre der Sowjetunion von ihrer Gründung bis zum Tode Stalins sind historisch unglaublich lehrreich und leider zu selten in der kollektiven Erinnerung.

Das Zitat stammt von einem hohen Funktionär eines der berüchtigtsten und brutalsten Geheimdienste des 20. Jahrhunderts. Die Bolschewiken begannen früh mit der Kategorisierung und Entindividualisierung der Menschen. Sie wollten eine Vision, eine Utopie, verwirklichen und den Menschen dafür formen. Manche Menschen passten nicht in dieses Konzept. Sie wurden einfach nur, weil Sie vermeidlich zu einer Gruppe gehörten verhaftet, gefoltert und exekutiert. Aus erfunden Korrelationen wurden auf einmal Kausalitäten. Der Höhepunkt dieses Terrors lag in den späten 1930er Jahren als die stalinistischen Säuberungen auf ihrem Höhepunkt angelangten. Niemand in den Städten konnte nachts noch ruhig schlafen. Jeder rechnete damit, in der Nacht vom NKWD abgeholt zu werden. Es muss eine ungeheure Unruhe in der Gesellschaft geherrscht haben. Die Menschen schliefen nachts sogar mit ihren Kleidern, um im Falle einer Verhaftung etwas anständiges am Leib zu haben. Wenn ein Verwandter abgeholt wurde, ging es in der Regel nicht lange, bis man selbst dran glauben musste. Selbst der Besuch einer Feier galt als Grund abgeführt zu werden. Gegen Ende waren Gründe belanglos. Die Schergen des Regimes konnten immer etwas Belastendes konstruieren.

Stalin und seine Gefolgsleute waren geprägt von einem tiefen Misstrauen und Paranoia. Ihrer Ansicht nach gab es überall in der Gesellschaft Feinde und Saboteure. Sie definierten Quoten von Verhaftungen, die fast immer erfüllt oft sogar übertroffen wurden.

Schrecklich. Das finden alle. Aber niemand versteht, was das mit uns heute zu tun hat. Solche historischen Beispiele zeigen uns das Mögliche. Wir erliegen oft dem Shifting-Baselines-Effekt und halten den momentanen Zustand für stabiler als er eigentlich ist. Und genau hier liegt auch das Gefahrenpotential der Gegenwart für die Zukunft. Und wer die Zukunft beeinflussen will, muss in der Gegenwart beginnen.

Die aktuellen Entwicklungen bei den Geheimdiensten mit ihrem ins illegale reichende Spähfanatismus ist ein Grund zur Sorge! Die aktuelle Situation ist ebenfalls geprägt von Misstrauen und Paranoia, die nicht nur gegen einzelne Gruppen, sondern wieder gegen die ganze Gesellschaft gerichtet sind. Dieses System hat zudem das Risiko eine eigene Dynamik mit unabsehbaren Folgen zu entwickeln. Eine Kontrolle über diese Prozesse ist die Aufgabe einer liberalen Demokratie.

Wenn diese Argumente vorgebracht werden, hört man häufig, dass solche Zustände wie früher in der Sowjetunion heute völlig unmöglich sind. Mit einer solchen Aussage wäre ich vorsichtig. Die Globalisierung ist ein einmaliges gesellschaftliches Experiment mit offenem Ausgang. Sie hat supranationale Konstrukte hervorgebracht, die nicht selbstverständlich demokratisch organisiert sein müssen. Andere Formen der Herrschaft sind denkbar. Experten bemängeln z.B. seit Jahrzehnten das Demokratiedefizit der EU.

Nun ist es Zeit ein wenig persönlicher zu werden. Wir schreien unsere Meinung heute laut heraus. Überall im Netz passiert das und alle unsere Aussagen werden gespeichert. Wir genießen heute den Luxus das zu dürfen. Doch wer heute vom Internet Gebrauch macht und nicht für die Demokratie und die Freiheit des Internets kämpft, geht ein Risiko ein. Unsere Zukunft und die unserer Kinder und Enkel könnte gefährdet sein. Wie in der Sowjetunion reicht es, dass jemand aus dem Freundeskreis oder ein Verwandter eine Aussage gemacht hat, die uns stigmatisiert. Sippenhaft ist keine historische Seltenheit. Vielleicht bereiten heutige Veröffentlichungen von uns unseren Nachkommen in drei Generationen Probleme. Der Grundstein für diese Entwicklung könnte heute gelegt worden sein.

Die Lösung ist nicht auf Kommunikation zu verzichten. Das wäre eine offene Kapitulation. Die Lösung ist immer für die demokratischen gesellschaftlichen Werte und die individuelle Freiheit zu kämpfen. Das ist ein kontinuierlicher Kampf, den wir heute auch führen müssen und den wir mit unserer Erziehung an unsere Kinder und Enkel weitergeben müssen. Gespräche, Argumentationen, Engagement, Organisation, Professionalisierung, Veröffentlichungen, Allianzen und die internationale Zusammenarbeit sind die ersten wichtigen Schritte. Unsere Generation muss zudem mehr in den gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen wirken, um diese gestalten zu können. Geht in Parteien, lasst euch wählen, gebt nicht auf und fordert bestehendes Recht ein! Wendet euch nicht nur dem lebenswerten Alltag zu, sondern engagiert euch auch für eine lebenswerte Zukunft.

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